Pädagogische Erfahrungen in Polen

 

Gelobt sei Polen!

Zu Beginn möchte ich deutlich sagen, dass wir dankbar sind, in diesem Land zu leben. Es ist schön hier. Die Menschen sind herzlich, gastfreundlich, künstlerisch und spontan. Das polnische Schulsystem ist genial, denn es erlaubt alles. Es gibt Bildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr, aber keine Schulpflicht. Man kann Experimentalschulen gründen, mit den verrücktesten Profilen. Laut Ministerial-Grundsatzprogramm dürfen Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse nicht sitzen bleiben, sondern in ihrem eigenen Tempo lernen. Und: man soll bis zur dritten Klasse keine Zensuren geben!

 

Pionierzeit

Es begann also in Juchowo, in diesem kleinen, verlassenen Nest bei Szczecinek (Neustettin) in Westpommern. Es kam ein Sohn, wir heirateten, dann kam noch eine Tochter! Wir arbeiteten in einer polnisch-deutschen Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Idee der biodynamischen Landwirtschaft mit Pädagogik, Arbeit für Menschen mit Behinderung sowie Integration und Entwicklung des ganzen Dorfes zu verbinden.

 

Drei Familien, die gemeinsam diese Unternehmung aktiv betrieben, darin unsere, suchten sinnvolle schulische Lösungen für die eignen Kinder. Später kam eine weitere Familie dazu.

Bis heute weiß ich nicht mehr, wie ich auf die Homeschooling-Regel im Schulgesetz gestoßen bin. Aber ich weiß noch, dass ich als Deutsche meinen eigenen Augen nicht traute. Zu der Zeit gab es so wenig Menschen in Polen, die diese Chance wahrnahmen, dass die Bezirksvorgesetzte im Schulamt selbst die Regel nicht kannte. Aber es gab sie tatsächlich, und wir konnten loslegen.

Wir renovierten Räume. Es wurde ein offizieller Kindergarten gegründet, und im Raum daneben war unsere kleine Homeschooling-Schule.  Mit den Eltern wurde verabredet, dass ich die kleine Gruppe führen soll. Wir meldeten unsere Kinder in der örtlichen Schule an. Die Direktorin war ziemlich überrascht, aber bereit zur Zusammenarbeit.

 

Unsere schon jugendliche älteste Tochter konnte und wollte nicht mitmachen. Sie ging auf Staatsschulen und hat es irgendwie überlebt. Allerdings wechselte sie öfter die Schulen, in der Hoffnung, etwas Besseres zu finden. Nein, sie war nicht glücklich. Aber zu Hause lernen wollte sie auch nicht, sie wäre zu einsam gewesen.

 

Das Profil unserer „Schule”

Wir wählten die Waldorfpädagogik. In Polen gab es zu der Zeit drei Schulen dieses Typs. Natürlich kollidierte das mit dem Programm der dörflichen Schule, denn die Unterrichtspraxis der Staatsschulen steht im krassen Gegensatz zum eigenen freiheitlichen Grundsatzprogramm. Unsere Kinder konnten natürlich nach einem Jahr noch nicht lesen, dafür malten und sangen sie wunderschön und spielten Kinderleier J ... Aber wir beriefen uns auf das Grundsatzprogramm, und bis zur dritten Klasse schafften wir die Norm! Ich muss dazu sagen, dass unsere kleinen Jungs eine besondere Gruppe bildeten und ohnehin in kein normales System gepasst hätten...

 

Jeder Freitag war Wandertag, egal, bei welchem Wetter. Wir haben eine verrückte Waldhütte gebaut. Wir liefen durch Bäche, schaukelten auf riesigen Tannenzweigen, kletterten auf Bäume, brachen das Eis am See-Ufer los. Wir kamen jedes Mal völlig dreckig und nass zurück.

 

Aber auch während der sogenannten normalen Unterrichtsstunden blieb Zeit für Bauen von Mauern aus alten Ziegelsteinen, für Rennen und Spielen, für Theaterprojekte, für endlose Zeichnungen von Bergwerken, Kriegen, Landschaften, Pferden oder Baustellen (wenn das A3-Blatt zu klein war, wurde das nächste drangeklebt, der ganze Fußboden war mit Zeichenblättern voll... )

 

Dann wurde das Gesetz in Polen noch besser: Man konnte jetzt die Schule, bei der man die Kinder einschreiben wollte, frei wählen! Im folgenden Schuljahr meldeten wir uns in der Waldorfschule in Poznan an. Es begann eine enge, wunderbare Zusammenarbeit.

 

Fragt die Jugendlichen heute: Es war ihre glücklichste Zeit. Meine auch. Und bis heute bin ich den Eltern tief dankbar, dass sie mir ihre Kinder anvertraut und all unsere wilden Ideen mitgetragen haben.

 

 

Zusammenarbeit mit dem Dorf

Wir realisierten zusammen mit dem Freizeitzentrum und der Dorfschule viele gemeinsame Veranstaltungen. (Jedes Dorf in Polen hat einen Ort, der heißt „świetlica“, wörtlich übersetzt: Licht-Ort. Da, wo es hell ist. Eine wunderbare Metapher, auch wenn es vielleicht traditionell nur mit dem Vorhandensein von Strom an dunklen Abenden zu tun hat!) Es gab Theater, Weihnachtsspiele, Advents-, Martins-, Oster-, Sommer-, Herbstfeste und Zirkusschule. Es war eine reiche und bunte  Zeit der Integration.

 

 

Neuer Anfang

Das Leben geht nicht immer glatt. Unsere Familie verließ die Stiftung. Wir suchten unser eigenes Glück in Niederschlesien in dem Dorf Baumgarten. In dieser Zeit war ich im Kulturhaus Bolków angestellt als  „świetlicowa” (die Licht-Ort-Frau”) für unser Dorf Sady Górne und Sady Dolne (die oberen und die unteren Obstgärten) und tat wieder, was ich nicht lassen konnte, mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen: Frauenchor, Zirkusschule, Deutschunterricht, Theaterprojekte, Gitarrenunterricht, Martinsumzug, Weihnachtsspiele, Bergwanderungen, Integrationsabende und so weiter. Unsere Kinder gingen in der Zeit in die gemütliche, winzige, familiäre Dorfschule. Die Älteste ging schon ihre eigenen Such-Wege des Lebens.

 

 

Schlüsselerlebnis

Als  „Świetlicowa“ hatte ich einfach da zu sein, wenn Kinder und Jugendliche kamen. Wir hatten schon ein ansehnliches Potential von Theaterkostümen und altmodischen Klamotten. Die Jugendlichen hatten ein selbst geschriebenes Stück erfolgreich aufgeführt (meine große Tochter hatte wesentlichen Anteil daran), und ich wollte mit ihnen ein  neues entwickeln. Also verabredeten wir uns zum Improvisieren. Aus dem neuen Stück wurde nichts, aber mehrere Nachmittage lang lag ich vor Lachen gekrümmt und mit Tränen in den Augen auf meinem Zuschauerstuhl, denn was auf der Bühne abging, als freies, unzensiertes Spiel, war  einfach nur fantastisch. Ich hatte natürlich trotzdem ein schlechtes Gewissen, denn wenn  ein normaler Erwachsener gekommen wäre, hätte ich nicht gewusst, was ich sagen sollte. HEUTE WEISS ICH: Es war goldrichtig. Endlich durften diese jungen Menschen, die von den meisten Erwachsenen bevormundet, verbogen, beschimpft wurden (zu mir kamen schlimme, schwer erziehbare, gefährdete Jungs), sie selbst sein, ganz und gar. Es war ein tiefes Glück für uns alle, und ich wünsche „meinen“ wilden Jungs und allen, denen ich begegnen durfte, Glück auf den Weg und Licht im Herzen.

P.S. 3. April 2017. Zwei meiner Jungs habe ich wieder getroffen. Einer (er war zeitweise richtig verstrickt in übelste Geschichten) ist kurzerhand zu uns gezogen und renoviert mit uns das Schulhaus. Ein großartiger, reifer, sozialer junger Mensch. Man kann viel lernen über Vertrauen und Entwicklung...

 

 

Homeschooling mit unserer jüngsten Tochter

Nach drei Jahren mussten wir wieder den Ort wechseln. Unsere nun schon älteren Söhne entschieden sich, in die normale Realschule zu gehen (manchmal brauchen die Kinder von alternativen Eltern ein Stück normale Welt J ), aber mit der jüngsten Tochter suchten wir weiter nach anderen Möglichkeiten.  

Sie war unter anderem ein Jahr auf Homeschooling, eingeschrieben in die Montessori-Schule in den Beskiden in Koszarawa Bystra, die seit Jahren professionell und liebevoll über 200 Homeschooling-Kinder betreut. Drei Erfahrungen aus dieser Zeit halte ich für sehr wesentlich:

 

1.   Wir haben so viel Zeit mit unserem Kind verbracht wie schon lange nicht mehr, nicht nur mit Schule, sondern überhaupt. Ich selbst habe viele spannende Dinge gelernt, zum Beispiel in Geografie, und mit dem Vater wurde Sternkunde betrieben, griechische Mythologie erkundet und im Geiste über Weltmeere gesegelt.

 

2.   Mit Leichtigkeit bestand sie die Prüfungen, obwohl wir, wenn es hoch kommt, eine halbe Stunde täglich gearbeitet haben.

 

3.   Es fehlte der Kontakt zu anderen Kindern. Der fröhliche Lärm der Kindergruppen, die unter unserm Fenster vorbei zum Sportplatz zogen, weckte Sehnsucht in uns.

 

In der fünften Klasse ging sie in eine Privatschule, das war ganz gut. Aber in der Zwischenzeit hatte sich eine enge Zusammenarbeit durch Kräuterkurse mit der Waldorfschule Bielsko-Biala herausgebildet, deshalb entstand die Idee, sie in der sechsten Klasse als Homeschooling-Kind dort einzuschreiben. Sie nahm dort wochenweise am Unterricht teil, wohnte bei befreundeten Familien, und sonst war sie zu Hause. Das war eine recht gute Lösung, aber dann doch nicht lebbar, deshalb ist sie jetzt wieder bei Montessoris in Koszarawa registriert und hat im März während einer fröhlichen Reise Mathe, Informatik und Deutsch bestanden. Im Mai machen wir noch Polnisch, Geschichte und Naturkunde. Aber die Einsamkeit ist unerträglich. Und ich will auch nicht mehr auswärts arbeiten, um irgendwo Geld zu verdienen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht länger mit der Realisierung meines Traums warten will. Es ist Zeit, dass er auf die Erde kommt!

 

Seit ich siebzehn bin, will ich mit Kindern und für Kinder da sein. Ich habe nun viele Lebenslektionen gesammelt und Fähigkeiten erworben. Jetzt will ich mein Ziel realisieren: junge Menschen frei zu begleiten. Vielleicht wird es in der weiteren Zukunft ein Kinderheim, vielleicht eine Schule, ich denke stark in die Richtung von SUMMERHILL. Um so etwas zu begründen, braucht es eine aktive, starke Gruppe von Eltern mit Kindern, die dieses Bedürfnis haben. Das benötigt Zeit, muss wachsen und reifen.

 

Aber ich kann sofort anfangen mit Homeschooling,und eben als Gruppe. Damit sind wir nicht völlig frei in dem, was wir tun, denn Homeschooling ist an das Programm einer Regelschule gebunden, und man muss die Prüfungen bestehen, wenn man im folgenden Jahr weitermachen will. Aber es ist ein Anfang, und in Zusammenarbeit mit einer guten freien Scbule macht es einfach Spaß.

 

Mein lieber Mann, Lebenspartner und Freund Josefus, der mich unterstützt und begleitet, war auch Waldorflehrer, ist Heilkundiger und einer der besten Geschichtenerzähler, die ich kenne.

Im September 2017 starten wir die erste altersgemischte Homeschooling- Lerngruppe.

Willkommen bei uns in Polen!